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MASTERS KLASSE WAGNER [MUTHESIUS KUNSTHOCHSCHULE KIEL]
LEANDRA BIGALE, MELINA BIGALE, HANNAH BOHNEN, LISA FRIEDRICHS-DACHALE, MARIA GERBAULET, NIKOLA HAUSEN, ANNEMARIE JESSEN, BENEDIKT LÜBCKE, LILIAN NACHTIGALL, ANNE NITZPAN, OSKAR SCHROEDER, LUCAS WINTERHALTER

Vernissage 3. Februar, 18–21 Uhr
4. Februar – 9. März 2023

Der Titel der Ausstellung verweist auf die höchstmögliche Steigerung des fortefortissimo. Hinter dem fünffachen f steckt im musikalischen nicht nur enorme Energie, die beim Spielen aufgebracht werden muss, sondern das Aussprechen von fffff selbst erfordert eben jene Energie.

"Beim Studium der Bildhauerei, so wie beim Kunstmachen überhaupt, handelt es sich um Befragung und Resonanz des Materials, um die Form, den Stoff und ums Tun. Und es geht immer um die Suche. Die Suche geschieht nicht geradlinig, sondern über Irrwege und Umwege. Es ist ein Experiment, das erst einmal alles zulässt und Unvereinbares miteinander verbindet. Kunst entsteht im Ursprung, schlägt Haken, lässt etwas in Erscheinung treten, das so noch nicht da war. 

Und wie zeigt sich nun die Kunst der jungen Generation, die heute die Bühne betritt? In großer Freiheit werden Materialien gewählt, gefunden, verwendet und wieder fallen gelassen, Materialien die aus völlig unterschiedlichen, kunstfernen oder alltäglichen Bereichen stammen, die Abfall oder auch klassisches Bildhauermaterial sein können. Angesichts der Vielfalt der Möglichkeiten geht es darum, nicht in Beliebigkeit abzudriften, sondern nach dem jeweils Eigenen zu fahnden – durch genaue Beobachtung, experimentierendes Drehen und Wenden, durch Probehandeln und Scheitern. Oft ist es fast so, als suche sich das Material seine eigene Arbeitsweise, als werde es dann im Prozess des Machens und in der Kombination mit anderen Materialien einem Verwandlungsprozess unterzogen."

Elisabeth Wagner [Spechte am Meisenknödel, 2021]

 

In ihren künstlerischen Arbeiten beschäftigt sich Leandra Bigale mit der Landschafts- und Gartenplanung. Dabei rückt die Frage, in welchem Verhältnis der Wille zur Kontrolle der Natur und das organische Eigenleben in gestalteten Landschaften zueinanderstehen, immer wieder in den Fokus. In der Arbeit roots follow bestimmen Plastikverpackungen die skulpturale Gestalt des Wurzelwerks. Die Grassoden formen mit ihren Wurzeln die Einkerbungen und Erhöhungen reliefartig nach und werden so in ihrer Form aus ihrer ursprünglichen Funktion enthoben. Die Scans thematisieren ein Wechselspiel zwischen unten und oben, zwischen Kontrolle und freier Form, zwischen Natürlich- und Menschlichkeit, zwischen Skulptur und Malerei.

Viele der Arbeiten von Melina Bigale handeln von dem Dialog von Menschen und Natur. Ihre Arbeitsweise besteht aus der Fragmentierung von Natürlichem und dessen Neukontextualisierung im Ausstellungsraum. Die zum Teil noch lebendigen Installationen verändern sich, sie performen für die Dauer der Ausstellung. Nach der Ausstellungszeit arbeitet sie mit den aus der Zeit entstandenen Bestandteilen weiter. So geht die Reihe der Tannennadelzeichnungen auf das Sammeln aller Nadeln einer Zuckerhutfichte hervor, welche ein Teil einer anderen Installation gewesen ist. Durch die Aneinanderreihung der Nadeln auf Glas werden diese zur Zeichnung und finden über ihre gekrümmte Beschaffenheit eine eigene Form.

Die Skulpturen, Oberflächen und Installationen von Hannah Bohnen setzen sich mit Bewegungsphänomenen auseinander. Mit ihren Arbeiten versucht sie die unsicheren, manchmal unsichtbaren Momente ephemeren Handelns in Formen zu arretieren, indem sie dynamische Materialien und fließende Formen als Vokabeln verwendet, um das abklingende und fast unmerkliche Leben von zufälligen Gesten zu kommunizieren. Die künstlerische Intervention dient als Erinnerung an Flüchtigkeit und verleiht dem, was sonst vergänglich ist, Beständigkeit. Formen und Materialien sind in Bewegung und loten die Bedingungen unserer Wahrnehmung aus.

Das Geflecht aus zuckrigen Ranken untersucht das Ornament als Mittel der Verzierung. Beweggrund war die Frage, was die bildhauerische Arbeit von Lisa Friedrichs-Dachale von der eines Konditors oder Konditorin unterscheidet. Damit einhergehend beschäftigten sie Fragen nach der Relevanz und Anerkennung beider Lebenswelten. Die Vorgänge, die Richard Serra mit den Verben „to roll, to twist, to cut, to mix, to modulate, to disarrange“ beschreibt, können nicht nur im Umgang mit dem Material gelesen werden, sondern erinnern auch an Handlungen in der Küche. Was macht die Handlungen und Erzeugnisse eines Künstlers oder einer Künstlerin so viel erhabener? Den Zucker und das Ornament verbinden das Element der puren Lust. Durch schimmlige Ecken und wachsende Ranken wird die Strenge der Symmetrie gebrochen. Sie lösen sich von der Wand, vermessen die Architektur und werden wieder verschwinden. Der Arbeitsaufwand und die reizvolle Schönheit stehen im Kontrast zur begrenzten Ausstellungsdauer. Es geht um das Erkennen, dass jede Lust ephemer ist.

Wichtige Eigenschaften einer Plane sind Reißfestigkeit, Wind- und Wasserbeständigkeit. Die zerfallene Plane von Maria Gerbaulet widerspricht diesen Eigenschaften und wird zu einem verletzlichen und vergänglichen Objekt. Durch Flicken und Schichten wurde das Ursprungsmaterial in eine neue Form gebracht und versucht dem Zerfall zurück zum Staub entgegenzuwirken. So schwankt das Objekt zwischen einem Entstehungs- und Zerfallsprozess.

Erwärmen, falten, spannen, dehnen, hängen, schnüren, quetschen, abkühlen. Die Teichfolie von Nikola Hausen ist ihrer bodennahen, funktionalen Position enthoben und wird durch die Gebundenheit an einer im Raum stehenden Säule in einen neuen Kontext verschoben. Erwärmt man die Folie, so lässt sie sich leicht falten und modellieren. Erkaltet sie während des Arbeitsprozesses verfällt sie zurück in ihren starren, unkooperativenen Zustand. Das Changieren zwischen den beiden Zuständen und deren Einflussnahme auf die Wirkung des Materials wird hier zentral.

In den Arbeiten von Annemarie Jessen tauchen meist alltägliche Gegenstände auf, die auf bestimmte Weise transformiert wurden: So auch bei der mit 29. April 2019 betitelten Zeitung, in der nur noch Lücken auf den zuvor enthaltenen Inhalt hinweisen. So verschiebt sich der Fokus weg von den austauschbaren, sich täglich ändernden Nachrichten hin zu dem gleichbleibendem Prinzip, das deren Aufbau innerhalb des Mediums bestimmt.

Das genaue Beobachten, Auseinandernehmen und humorvolle Neuverbinden von Bildern und Momenten zieht sich stringent durch die künstlerische Auseinandersetzung von Benedikt Lübcke und stellt ihren Ausgangspunkt dar. In einer Nische im Ausstellungsraum steht ein gestrecktes Ballerinenbein, auf der Fußspitze balancierend. Eine Drehbewegung aus dem Tanz wird eingefroren und skulptural festgehalten. Befremdlich und doch anmutig hält sich das Bein aus eigener Kraft aufrecht. Aplomb befragt dabei den Ausstellungsraum formal und lässt Vorsprünge und Nischen innerhalb der Galerie zur Bühne werden.

Ausgangssituation für die Aquarelle von Lilian Nachtigall ist eine Fotografie von Andreas Gursky („Paris Montparnasse“ von 1993). Zu jedem der 561 Fenster- komplexe wird ein Aquarell gefertigt. Die einzelnen Aquarelle zerlegen dieses große Ganze in seine Einzelteile. Dem einzelnen Fenster wird Bedeutung und Aufmerksamkeit beigemessen. Dabei sieht man ein Fenster, welches auf der kleinen konzentrierten Fläche einen Rhythmus entwickelt, der abhängig von Form und Farbe ist. Das Zerlegen des Vielen in das Einzelne beinhaltet eine Zeit, in der man hinsieht, eine Zeit, in der man das Aquarell macht und eine Zeit, in der das eine Aquarell trocknet und das Nächste schon wartet.

Eine schwarze Masse breitet sich über Tisch und Hände aus, verbindet diese miteinander. Es öffnet sich ein Raum, in dem das Unheimliche ins Heimelige eindringt, das Irrationale ins Rationale hinüberschwappt. Ausgehend von Erzählungen ihres Großvaters entstand die Fotoserie Salty Tooth von Anne Nitzpan. Die Künstlerin übersetzte Erinnerungen ihres Opas an das kindliche Spiel mit seiner Lieblingssüßigkeit Salmiakpastillen in skulpturaler Form. Diese wird im großelterlichen Esszimmer aufgetischt und mit den Händen der Künstlerin und ihrer Großeltern weiter geformt.

In der Arbeit von Oskar Schroeder wurden industriell gefertigte Montageschienen und kleine klotzartige Stuckmarmor Objekte an der Wand installiert. Durch die Art der Installation und der funktionalen Erscheinung der angebrachten Teile wird die Wand als architektonisches und tragendes Element inhaltlich aufgegriffen und zum Teil der Arbeit. Die Objekte aus Stuckmarmor sind Produkt eines aufwändigen Herstellungsprozesses, der in der Vermengung und Schichtung von Gips, Knochenleim und Farbpigmenten eine Marmorierung bewirkt und so ein Material entstehen lasst, welches dem Naturprodukt Marmor optisch gleicht.

Die Arbeiten von Lucas Winterhalter kreisen um Fragmente, Wiederholungen, Zufälle und Assoziationen. Das Alltägliche, auch das Nebensächliche, isoliert, exponiert, übersteigert, in neuen Kontexten, neu gedacht sind Ausgangspunkte der künstlerischen Praxis. Diese Themen finden ihre Übersetzung in Rauminstallationen, Fotografie, Film und Sound. Häufig spielen Zeit, Sprache, Text und Musik eine besondere Rolle. Speziell Sound begreift er als Material mit dem Raum gestaltet werden kann. Durch rhythmische Setzungen wird die Poesie der Wiederholung erfahrbar gemacht.

Jeder Teppich hat ein individuelles Muster. Die einzelnen Teppiche verbindet jedoch eine gemeinsame grundlegende Struktur, die ihren Aufbau bestimmt. Lisa Friedrichs-Dachale, Annemarie Jessen und Anne Nitzpan zerpflücken die Muster der gesammelten Teppiche in einzelne Patches. Diese werden in eine neue Ordnung eingelassen. Aus zuvor einheitlichen Geschichten wird ein Flickwerk – eine wachsende Form, die nach neuen Grenzen sucht.