Julian KholSalon
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Julian Khol

"Wer steht, wenn alle sitzen"

11. Oktober - 20. November
Vernissage am 10. Oktober um 18.00 Uhr

Hamburg

 

Vor etwa einem Jahr ist ein entscheidender Wandel in Julian Khols künstlerischer Praxis eingetreten: Er hat für seine Bilder den malerischen Raum erobert. Zuvor definierte sich das Gemälde als eine Anhäufung von informellen Markierungen des Künstlers auf der Bildfläche – geschüttet, in dynamischen Pinselstrichen gezogen, stets um eine bestimmte figurative Form bemüht. Ein klares Figur-Grundverhältnis war dabei festzustellen: ein buntfarbiger Papagei, ein roter Adler mit weit ausladenden Schwingen auf einem planen monochromen Grund. Ein grafisch bestimmtes Image mit Label-Charakter. Expressionistische Leitlinien waren herbei stets zu erkennen – Entladungen des Strichs in der Tradition von de Kooning, Appel und Baselitz. Am Anfang kam die energetische Pranke, die das Ich des Künstlers in die Leinwand einbrannte, als laute Behauptung, als Territoriums-Markierung für die Malerei. Dieser laute Gestus hat sich innerhalb des letzten Jahres deutlich kalmiert. Davon zeugt bereits ein großformatiges lichtgesättigtes Landschaftsbild aus dem letzten Jahr. 

 

Den Bildvordergrund hat Khol mit herab rinnenden Farbzonen gestaltet, aus deren Spuren sich Pflanzen formen, illusionäre Elemente aufblitzen, ohne dass ein allzu starker Drang an einer direkten Mimesis der Natur im Vordergrund steht. Denn alles entsteht hier aus der Malerei, aus einem intuitiven Setzen des Pinsels auf der Leinwand. Nur lässt der Künstler in diesem Werk das Bild auch mitmalen, indem er der Farbe in manchen Bereichen freien Lauf lässt, aber bewusst gesteuert. Alles scheint nun stärker strukturiert, sensibler, dichter, tiefer. Der Maler geht immer von etwas Konkretem aus. Das unbewusste Drauflosmalen würde ihn in eine sumpfige indifferente Sackgasse führen.

 

Das ist auch bei Khols aktuellem Werkblock zu erkennen. Impulsgeber war hierfür ein Ahornbäumchen am Parkplatz vor seinem Atelier, das er an einem verregneten Tag fotografiert hatte. Eine verwaschene Ausgangssituation, die dem Künstler in seinem Vorgehen zuträglich erschien. Die Leinwand auf den Boden gelegt, ging er ans Werk, nass in nass – einschwimmendes Malen der Leinölfarbe. Im Trocknungsprozess bildeten sich runzelige Häute als Inseln auf dem malerischen Film. Die grafischen Strukturen des Bäumchens lösten sich in freie Malerei auf, so als hätte soeben das ölbetrunkene Bild ein Aspirin zur Blutverdünnung eingeworfen.

Fluss, Prozess, Abstraktion anstelle von statischer Motivik. Das Bild lässt sich nicht festzurren und einzementieren, es bleibt ein offener Organismus, der einen malerischen Raum öffnet. Dieser Raum verschluckt und speit zugleich das vorgegebene Image wieder aus – für die Malerei.

 

Text: Florian Steininger